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Kleines Geburtstagsständchen eines Lesers

Facebook im Fluss
Ja, freilich kann man in ihr fischen: Mal hat man kleine Silberlinge, mal einen fetten Wels, mal einen langen Aal an der Angel. Und so verschieden ihr „Inhalt“, so facettenreich auch ihr Aussehen: Mal kommt sie hellblau daher, mal eher grünlich-bläulich, mal dominieren düstere Töne, mal spiegelt sich die Sonne darin und mal tauchen alle Farben des Regenbogens auf einmal auf ihrem Antlitz auf. Auch ihr Umfang wechselt ständig: Mal sieht sie normal, um nicht zu sagen bettlägerig aus, mal plustert sie sich auf, sodass sie aus allen Nähten zu platzen scheint.

Aussehen und Umfang hängen immer von den Jahreszeiten ab: Vor großen Feiertagen, zu denen neben Ostern, Nikolaustag und Weihnachten auch etwa das Autofestival im Januar, die beiden großen Messen in der Luxexpo sowie die Rentrée im September gehören, putzt sie sich besonders heraus und zeigt sich in ihrer ganzen Pracht. Sie bewegt sich eben mit dem Jahreskreis, spiegelt Frühling, Sommer, Herbst und Winter genauso wider, wie die Menschen in ihrem Einzugsgebiet den zeitlichen Jahres- und sogar Lebensabschnitten unterliegen. Und das diesseits wie jenseits des gemächlich dahin fließenden Wassers, denn sie gibt sich seit einigen Jahren großregional, grüßt auf Luxemburgisch, Deutsch und Französisch: Moien, guten Morgen, bonjour!

Tinte statt Wasser

Nein, die Rede ist natürlich nicht von der Mosel, sondern von ihrer Zeitung, von der Muselzeidung, die seit nunmehr 35 Jahren Monat für Monat von Haus zu Haus verteilt wird. In der Miseler Géigend ist sie so etwas wie Facebook auf Papier. Anzeigen, Kleinanzeigen, État civil mit Geburten, Hochzeiten und Nekrologie, Manifestationskalender und, als Filetstück, Fotos, Fotos und nochmals Fotos – von Festen und Feiern, von Kultur und Sport, von Landschaften bis Kuriosa, versehen mit minimalistischen Bildunterschriften (moderne Lesefaulheit oblige). Blumen für eine Hundertjährige neben einem Riesenhecht, der aus den Fluten gezogen wurde. Kunstvoll angehäufte Heuballen in den Äckern neben einer Fotostrecke von der Journée des Anciens im Echternacher Lyzeum. Bilder von Schecküberreichungen und Sportereignissen, von Kunstausstellungen und literarischen Abenden neben seitenweise Eindrücken der Kavalkaden in Remich und Wasserbillig, nicht zu vergessen von den Riesling-Open sowie vom alljährlichen Weinfest in Grevenmacher. In vino veritas!

Gucken statt lesen

Die Muselzeidung ist seit Jahrzehnten ein ebenso ruhiger wie verlässlicher Begleiter der Menschen in der Mosel-Gegend, zwischen Schengen und Wasserbillig bis hinauf nach Mondorf und Junglinster etwa und auch auf der anderen Seite des Grenzflusses in Rheinland-Pfalz, im Saarland und in der Moselle, wo das Leben der Leute zwischen Arbeit und Einkaufen, zwischen Familie und Vereinen einem ähnlichen Takt folgt wie in Luxemburg.

Die bescheidene Mission der Muselzeidung: Nah am Volk sein und eine Normalität zwischen den Völkern vermitteln. Sie will ein unprätentiöses Abbild der Gesellschaft darstellen, ohne Polemik und ohne Textwüsten, will unterhalten, informieren und vermitteln, will Begleiter sein durch die Jahreszeiten und über die Jahre hinaus, will so treu und gleichzeitig doch so wechselhaft sein wie ihre Namensgeberin, die Mosel, die immerfort fließt und doch niemals gleich ist, man kann bekanntlich nicht zweimal im selben Fluss baden …

Happy Birthday: Ad multos annos!

Dem Herausgeber der Muselzeidung, dem Maacher Unikum Usch Burton, sowie dem gesamten Team von Presss sàrl alles Gute zum 35. Jubiläum ihrer Zeitung, pardon Zeidung. Möge sie Bestand haben, solange Wasser die Mosel hinunterläuft. Denn: Panta rhei, alles fließt!

Luc Marteling

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Geschrieben von presss

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